Die Kunst, sich zu verbiegen – und was sie uns kostet

Ein junger Baum biegt sich im Wind. Gerade deshalb übersteht er den Sturm.

Ein alter Baum, der sich nie mehr bewegen kann, bricht.

Doch es gibt noch eine andere Form des Verbiegens.

Nicht die, die aus Beweglichkeit entsteht.
Sondern die, die aus Angst geboren wird.

Wir verbiegen uns, um geliebt zu werden.
Wir verbiegen uns, um dazuzugehören.
Wir verbiegen uns, um Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Wir verbiegen uns so lange, bis wir irgendwann vergessen haben, wie wir ursprünglich einmal gewachsen sind.

Das Merkwürdige daran ist:
Am Anfang merkt man kaum etwas.

Der Körper macht mit.
Die Gedanken finden Erklärungen.
Die Gefühle verstummen.

Doch nichts verschwindet wirklich.

Was ich nicht ausspreche, bleibt oft im Hals.
Was ich nicht fühlen möchte, sucht sich einen Platz im Herzen.
Was ich nicht loslassen kann, trägt der Rücken.
Was mir den Boden unter den Füßen nimmt, spüren irgendwann meine Beine.

Unser Körper ist kein Gegner.
Er ist der Chronist unseres Lebens.

Nicht nur der sichtbare Körper erinnert sich.
Auch unsere Gefühle tragen jede Verbiegung.
Unsere Gedanken beginnen Kreise zu drehen.
Unsere Beziehungen verändern sich.
Und selbst unser inneres Vertrauen verliert nach und nach seine natürliche Aufrichtung.

Je länger wir gegen unser eigenes Wesen leben, desto mehr Energie brauchen wir, um diese Haltung aufrechtzuerhalten.

Verbiegen kostet Kraft.

Echt sein schenkt Kraft.

Vielleicht ist Heilung deshalb gar nicht in erster Linie das Erlernen neuer Fähigkeiten.

Vielleicht bedeutet Heilung vielmehr, all die Verbiegungen wieder loszulassen, die wir uns im Laufe unseres Lebens angewöhnt haben.

Nicht starr werden.
Nicht kämpfen.

Sondern wieder beweglich werden.

Wie der junge Baum im Wind.

Er verbiegt sich.
Aber er verbiegt sich nicht gegen sich selbst.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.

Foro: Leopold Kamp