Wenn Rot und Schwarz gemeinsam kreisen

Hoch über den Feldern trugen die warmen Aufwinde zwei Milane. Ein Rotmilan mit seinem tief gegabelten Schwanz und ein Schwarzmilan mit seinen ruhigen, gleichmäßigen Flügelschlägen zogen lautlos ihre Kreise.

Lange schwiegen sie. Denn wer den Himmel kennt, weiß, dass nicht jedes Schweigen nach Worten verlangt.

Schließlich sprach der Schwarzmilan:

„Siehst du sie dort unten?“

Der Rotmilan nickte.

„Welche meinst du? Die, die sich streiten? Die, die rennen? Die, die Bildschirme ansehen? Oder die, die glauben, sie hätten keine Zeit?“

Der Schwarzmilan lächelte.

„Vielleicht alle ein wenig.“

Sie kreisten schweigend weiter.

Unter ihnen bewegten sich Straßen wie Ameisenpfade. Nachrichten jagten um die Erde. Menschen diskutierten über Grenzen, Geld, Macht, Religionen, Hautfarben und darüber, wer Recht hatte.

„Warum erschaffen sie so viele Wirbel?“, fragte der Rotmilan.

„Vielleicht“, antwortete der Schwarzmilan, „haben sie vergessen, den Unterschied zwischen einem Sturm und dem Wind zu fühlen.“

„Und worin liegt der Unterschied?“

„Der Sturm will beherrschen. Der Wind möchte einfach nur fließen.“

Sie gewannen an Höhe.

„Von hier oben sehen ihre Grenzen gar nicht wie Grenzen aus“, sagte der Rotmilan.

Nein“, antwortete der Schwarzmilan. „Die Flüsse kennen sie nicht. Die Wolken auch nicht. Und wir Milane schon gar nicht.“

Nach einer Weile fragte der Rotmilan:

„Manchmal frage ich mich, ob sie das Offensichtliche wirklich nicht sehen.“

Der Schwarzmilan ließ sich ein Stück tiefer tragen.

„Vielleicht sehen viele es durchaus.“

„Warum handeln sie dann oft so, als wäre nichts?“

„Vielleicht, weil manches zu sehen bedeutet, etwas im eigenen Leben verändern zu müssen.“

„Und Veränderungen machen Angst.“

„Ja.“

Der Rotmilan dachte nach.

„Dann ist Wegschauen manchmal leichter als Hinsehen.“

„Oder sicherer.“

„Sicherer?“

„Vielleicht. Wer etwas ausspricht, das nicht in die Gedanken der Mehrheit passt, fürchtet manchmal, verspottet oder ausgegrenzt zu werden. Manche haben Angst, verfolgt zu werden, weil sie Fragen stellen. Andere fürchten, dass schon das Hinschauen genügt, um verdächtig zu wirken.“

Der Rotmilan schwieg.

„Und manche?“

„Manche fürchten vielleicht auch, ertappt zu werden.“

„Wobei?“

„Dabei, dass sie längst etwas ahnen. Dass sie in ihrem Inneren spüren, dass etwas nicht stimmig ist. Doch solange sie es nicht aussprechen, müssen sie sich dieser Ahnung nicht wirklich stellen.“

Der Rotmilan betrachtete lange einen Fluss, der ruhig seinem Bett folgte.

„Der Fluss fließt weiter, auch wenn niemand ihn anschaut.“

„Ja“, sagte der Schwarzmilan. „Ein Stein bleibt ein Stein, auch wenn alle beschließen, ihn zu übersehen.“

Wieder schwiegen beide.

Unter ihnen gingen Menschen aneinander vorbei. Manche blickten kurz zum Himmel. Die meisten schauten auf ihre Bildschirme oder eilten ihren Gedanken hinterher.

Schließlich sagte der Rotmilan:

„Es ist merkwürdig. Viele sprechen von Offenheit. Und doch schließen sie manches aus, noch bevor sie es betrachtet haben.“

Der Schwarzmilan nickte.

„Vielleicht verwechseln sie Offenheit mit Zustimmung. Doch Offenheit beginnt viel früher. Sie beginnt dort, wo ich bereit bin, etwas anzuschauen, ohne es sofort abzulehnen oder zu verteidigen.“

„Dann wäre Sehen keine Gefahr.“

„Nein. Nur der Anfang einer Begegnung.“

Eine Böe hob beide zugleich höher.

Nach langer Stille fragte der Rotmilan:

„Glaubst du, ihre Welt ist wirklich so voller Wirren?“

Der Schwarzmilan blickte bis zum Horizont.

„Ich weiß es nicht. Doch ich glaube, ihre Gedanken sind oft lauter als die Welt selbst. Wer nur noch den Lärm hört, vergisst leicht die Stille, aus der jedes Verstehen wächst.“

Der Rotmilan lächelte.

„Vielleicht ist der Himmel gar nicht deshalb so weit, damit wir höher fliegen.“

„Sondern?“

„Damit jeder, der den Mut hat aufzublicken, erkennt, dass mit der Höhe auch die Weite wächst. Und mit der Weite manchmal das Verständnis.“

Der Schwarzmilan neigte seine Flügel.

„Vielleicht braucht Wahrheit deshalb keine laute Stimme.“

„Sondern?“

„Geduld. Sie wartet, bis ein Herz bereit ist, sie zu empfangen.“

In diesem Augenblick lag ein Kind auf einer Wiese und beobachtete die beiden Milane. Es hob lächelnd die Hand zum Himmel.

Beide Milane neigten ihre Flügel.

„Siehst du?“, fragte der Rotmilan.

„Ja“, antwortete der Schwarzmilan.

„Es gibt sie noch.“

„Wen?“

„Diejenigen, die den Mut haben, nach oben zu schauen.“

Und lautlos ließen sich beide vom selben Wind tragen.

Von unten hätte man glauben können, sie kreisten gegeneinander.

Von oben war längst sichtbar:

Es war derselbe Wind, der beide trug.