Der Waldkautz und die Waldeidechse

Es war einer jener Morgen, an denen der Wald noch nicht entschieden hatte, ob er lieber schlafen oder schon singen wollte.

Auf einem sonnengewärmten Stein lag eine kleine Waldeidechse. Sie schloss die Augen und ließ die Wärme tief in ihren Körper fließen.

Über ihr saß auf einer knorrigen Eiche ein alter Waldkautz. Regungslos. Würdevoll. So still, dass selbst die Stille glaubte, von ihm gelernt zu haben.

Nach einer Weile öffnete die Eidechse ein Auge.

„Sag mal… schläfst du?“

Der Kautz öffnete langsam beide Augen.

Nein.“

„Meditierst du?“

„Auch nicht.“

„Dann tust du gar nichts?“

Der Kautz nickte zufrieden.

„Das gelingt den wenigsten.“

Die Eidechse lachte.

„Ich tue auch nichts.“

„Nein“, erwiderte der Kautz freundlich. „Du tankst Sonne.“

„Stimmt.“

„Und ich tanke Stille.“

Die Eidechse grinste.

„Ist deine Energie sparsamer?“

„Nein“, sagte der Kautz. „Nur dunkler.“

Beide mussten lachen.

Nach einer Weile fragte die Eidechse:

„Warum fliegst du eigentlich nachts herum? Tagsüber sieht man doch viel besser.“

Der Kautz legte den Kopf schief.

„Und warum rennst du tagsüber herum? Nachts ist es viel ruhiger.“

Die Eidechse überlegte.

„Da hast du wohl recht.“

„Siehst du“, sagte der Kautz. „Jeder hält seine Lieblingszeit für die Wahrheit.“

Die Eidechse nickte langsam.

„Dabei ist der Wald rund um die Uhr derselbe.“

„Genau.“

Wieder wurde es still.

„Weißt du“, begann die Eidechse, „ich liebe die Wärme. Ohne sie werde ich träge. Sie erinnert mich daran, dass Leben Bewegung braucht.“

„Und ich“, sagte der Kautz, „liebe die Dunkelheit. Sie erinnert mich daran, dass nicht alles sichtbar sein muss, um wahr zu sein.“

Die Eidechse blinzelte.

„Dann bringe ich den Menschen bei, sich vom Licht berühren zu lassen.“

„Und ich“, antwortete der Kautz, „zeige ihnen, keine Angst vor ihren Schatten zu haben.“

„Das passt doch wunderbar zusammen.“

„Natürlich.“

Die Eidechse sprang auf einen Ast.

„Manche Menschen glauben, sie müssten sich entscheiden: Licht oder Schatten.“

Der Kautz schmunzelte.

„Das ist ungefähr so klug wie die Frage, ob Einatmen wichtiger ist als Ausatmen.“

Die Eidechse prustete los.

„Oder ob Frühling besser ist als Herbst.“

„Oder ob ein rechter Schuh wichtiger ist als der linke.“

„Oder ob ein Baum lieber Wurzeln oder Blätter haben sollte.“

Jetzt lachten beide so herzlich, dass selbst ein Specht irritiert innehielt.

Als das Lachen verklungen war, sagte der Kautz leise:

„Weißt du, Weisheit wächst selten dort, wo jemand Recht behalten will.“

Die Eidechse nickte.

„Sie wächst dort, wo Neugier wohnen darf.“

„Und wo man bereit ist“, ergänzte der Kautz, „die Welt auch einmal mit den Augen eines anderen Wesens zu betrachten.“

Die Eidechse blickte hinauf.

„Ich werde heute einmal versuchen, die Nacht zu verstehen.“

Der Kautz lächelte.

„Und ich werde beim Morgengrauen noch einen Moment länger sitzen bleiben und der Sonne zuhören.“

„Kann man der Sonne zuhören?“

„Natürlich.“

„Was sagt sie?“

Der Kautz schloss die Augen.

„Jeden Morgen genau dasselbe.“

„Und was?“

Ich komme nicht, damit ihr mir glaubt. Ich komme, damit ihr euch erinnert.

Die Eidechse schwieg lange.

Dann legte sie sich wieder auf ihren warmen Stein.

Der Kautz schloss erneut die Augen.

Der Wald atmete.

Die Sonne wärmte.

Die Nacht wartete geduldig auf ihren Einsatz.

Und irgendwo zwischen Licht und Schatten lächelte das Leben darüber, dass zwei so unterschiedliche Wesen niemals versucht hatten, einander zu bekehren – sondern nur einander zuzuhören.