Podcast vom 04.10.2020
Hallo und herzlich willkommen zu Rock Your Life.
Ich bin Matthias Kamp und freue mich sehr, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir ein Stück auf meinem Weg zuzuhören. Danke, dass Du heute dabei bist.
Vor einigen Jahren unternahm ich gemeinsam mit sechs Menschen einen sogenannten Medicine Walk.
Ein Medicine Walk ist weit mehr als eine Wanderung. Es geht nicht darum, Kilometer zu sammeln oder ein Ziel zu erreichen. Es geht darum, wieder vollkommen Teil der Natur zu werden.
Für zwei oder drei Tage lässt man den Alltag hinter sich. Man verzichtet auf Nahrung, nimmt lediglich etwas Wasser mit – falls sich unterwegs keine Quelle findet – und vielleicht eine Decke für die Nacht. Kein Zelt. Kein Schlafsack. Kein Komfort.
Nur die Natur.
Wir trafen uns an einem kleinen Parkplatz neben einem abgelegenen Friedhof und einer alten Dorfkirche. Dort eröffneten wir den Walk mit einem gemeinsamen Ritual. Jeder richtete seinen inneren Fokus auf das, was ihn in diesen Tagen begleiten sollte.
Erst dann machten wir uns schweigend auf den Weg.
Schon nach kurzer Zeit veränderte sich etwas.
Die Gespräche wurden weniger.
Die Gedanken wurden leiser.
Der Wald begann zu sprechen.
Nicht mit Worten.
Sondern mit Gerüchen, Licht, Wind und einer Stille, die man in unserer Welt kaum noch kennt.
Ein Medicine Walk folgt keinem Zeitplan. Man geht langsam. Man bleibt stehen, wenn etwas die Aufmerksamkeit ruft. Man setzt sich, wenn der Wald dazu einlädt.
Vor allem aber erinnert man sich daran, dass man Gast ist.
Gast bei den Bäumen.
Gast bei den Tieren.
Gast bei all den Wesen, die diesen Ort ihr Zuhause nennen.
Am Abend fanden wir eine alte Feuerstelle mitten im Wald. Da das Wetter stabil war und kein Regen angekündigt wurde, verzichteten wir darauf, einen Unterschlupf zu bauen.
Wir legten uns einfach auf den warmen Sand rund um die Feuerstelle.
Vor dem Schlafengehen hielten wir noch ein stilles Ritual.
Jeder machte sich bewusst:
Heute Nacht schlafen wir nicht im Wald.
Wir schlafen bei den Bewohnern des Waldes.
Viele Menschen erleben zum ersten Mal eine Nacht ohne Dach über dem Kopf. Ohne künstliches Licht. Ohne die Sicherheit von vier Wänden.
Und genau deshalb begegnet man dort oft nicht nur der Natur, sondern auch den eigenen Ängsten.
Nach und nach wurde es still.
Einer nach dem anderen glitt in den Schlaf.
Auch ich.
Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf.
Ein größeres Tier war zu unserem Lager gekommen.
Ich spürte, wie es sich vorsichtig an meinen Rücken schmiegte.
Für einen kurzen Moment blieb mir buchstäblich der Atem stehen.
Nach allem, was ich wahrnehmen konnte, war es ein Luchs.
Ein Luchs in freier Wildbahn gehört zu den seltensten Begegnungen, die man in unseren Wäldern erleben kann.
Natürlich war da zunächst Respekt.
Diese große Katze konnte im Dunkeln ungleich besser sehen als ich.
Doch sie zeigte keinerlei Aggression.
Im Gegenteil.
Sie legte sich einfach an meinen Rücken.
Langsam verwandelte sich meine Angst in etwas völlig anderes.
In Vertrauen.
In Geborgenheit.
In ein tiefes Gefühl, angenommen zu sein.
Es fällt mir bis heute schwer, dieses Erlebnis in Worte zu fassen.
Es fühlte sich an wie ein Geschenk des Waldes.
Ein Geschenk, das man weder planen noch erzwingen kann.
Der Luchs blieb eine ganze Weile.
Irgendwann schlief ich wieder ein.
Später wurde ich noch einmal kurz wach, als er aufstand und lautlos in der Dunkelheit verschwand.
Dann schlief ich weiter.
Tief.
Friedlich.
Als am nächsten Morgen die Sonne durch die Bäume fiel, richtete ich mich auf und erzählte einer guten Freundin, die diese Medicine Walks gemeinsam mit mir leitete:
„Ich glaube, ich hatte heute Nacht Besuch von einem Luchs. Aber vielleicht war es auch nur ein Traum.“
Sie lächelte.
„Nein“, sagte sie.
„Es war kein Traum. Ich habe ihn ebenfalls gesehen.“
Sie erzählte mir, dass sie zunächst große Sorge um mich gehabt hatte.
Doch dann habe sie gesehen, wie friedlich dieses Bild gewesen sei.
Der Luchs an meinem Rücken.
Ich schlafend.
Ohne Angst.
Und genau deshalb habe auch sie wieder beruhigt einschlafen können.
Natürlich wollten wir Gewissheit.
Gemeinsam suchten wir den Sand rund um unser Nachtlager ab.
Und tatsächlich fanden wir Spuren.
Wir zeichneten sie sorgfältig ab und verglichen sie einige Tage später mit verschiedenen Fährtenbüchern und Quellen.
Es waren tatsächlich Luchsspuren.
Doch das war längst nicht die einzige Begegnung.
Während dieser zweieinhalb Tage begegneten wir mehreren Rehen.
Und schließlich einer ganzen Rotte Wildschweine – mit zahlreichen Frischlingen.
Auch dieser Moment war unvergesslich.
Wir liefen gerade einen Waldweg entlang, als wir bemerkten, dass die Tiere unseren Weg kreuzen wollten.
Ich bat die Gruppe stehen zu bleiben.
Wir warteten.
Etwa zwanzig Meter vor uns blieb der Keiler stehen.
Er schaute zu uns herüber.
Für einen kurzen Augenblick begegneten wir uns einfach.
Nicht als Eindringlinge und Wildtiere.
Sondern als zwei Teile derselben Natur.
Dann drehte er sich wieder um, setzte seinen Weg fort und führte seine ganze Familie ruhig über den Waldweg.
Kein Stress.
Keine Flucht.
Kein Kampf.
Nur gegenseitiger Respekt.
Ein Reh stand etwas weiter entfernt auf einer Wiese und beobachtete das Geschehen.
Es war, als hätte der Wald selbst für einen Augenblick den Atem angehalten.
Nach zweieinhalb Tagen kehrten wir an unseren Ausgangspunkt zurück.
Wir setzten uns noch einmal im Kreis zusammen.
Mit einem kleinen Ritual beendeten wir das Fasten und bedankten uns bei der Natur für alles, was wir erfahren durften.
Genau in diesem Moment begannen die Glocken der kleinen Dorfkirche zu läuten.
Ein Augenblick, der sich kaum beschreiben lässt.
Solche Erfahrungen kann man eigentlich nicht erklären.
Man kann Geschichten darüber erzählen.
Man kann versuchen, Worte dafür zu finden.
Doch wirklich verstehen kann man sie erst, wenn man sie selbst erlebt.
In diesen Tagen wurde mir wieder bewusst:
Wir sind niemals von der Natur getrennt.
Wir waren es nie.
Wir haben manchmal nur vergessen, dass wir selbst Natur sind.
Vielleicht beginnt der Weg zurück genau in dem Moment, in dem wir wieder lernen, Gast zu sein.
Nicht Herr der Natur.
Sondern Teil von ihr.
Ich danke Dir, dass Du mir zugehört hast.
Mehr über meine Arbeit findest Du auf MatthiasKamp.de oder auf Telegram unter @matthiaswkamp.
Bis zum nächsten Mal.
Dein Matthias.
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