Es war im Frühling 2011, irgendwo in den Bergen nordwestlich von Olive Hill in Kentucky. Charlie Lame Deer hatte mich eingeladen, einige Zeit bei ihm an seiner Lodge zu verbringen.
Eines Nachts trat ich hinaus vor die Tür. Was ich dort sah, ließ mich einen Moment lang innehalten. Der schmale Waldweg vor der Lodge schimmerte. Unzählige kleine bläulich-weiße Lichtpunkte leuchteten zwischen Laub und Erde. Es war, als hätte der Wald seinen eigenen Sternenhimmel hervorgebracht.
Mein erster Gedanke waren Leuchtkäfer. Also rief ich Charlie nach draußen.
Er lächelte, sah auf den Weg und sagte nur: „Fox Fire.“
Dann erklärte er mir, dass es keine Tiere seien. Er sprach von kleinen Wesen und nannte ihren Namen in der alten Wazhazhe-Medizinsprache. Damals hörte ich den Klang zum ersten Mal. Heute erinnere ich mich leider nicht mehr an den Namen – nur daran, wie selbstverständlich er ihn aussprach, als würde er einen alten Freund begrüßen.
Am nächsten Morgen zeigte er mir dieselbe Stelle noch einmal. Im Tageslicht war von dem geheimnisvollen Leuchten nichts mehr zu sehen. Stattdessen entdeckte ich viele kleine, unscheinbare Gebilde, die fast wie winzige Blüten wirkten. Erst später fand ich heraus, dass es sich tatsächlich um biolumineszente Pilze handelte – Pilze, die selbst Licht erzeugen.
Doch ehrlich gesagt war diese wissenschaftliche Erklärung für mich nur ein Teil der Wahrheit.
Was mich bis heute begleitet, ist die Erfahrung selbst.
In der Nacht begegnete ich leuchtenden Wesen. Am Tag sah ich Pilze. Beides war wahr. Es hing nur davon ab, mit welchem Blick ich hinsah.
Seit jener Nacht frage ich mich immer wieder, wie oft wir das Außergewöhnliche übersehen, weil wir es im falschen Licht betrachten. Wie viele Wunder erscheinen uns gewöhnlich, sobald wir glauben, ihren Namen zu kennen?
Vielleicht beginnt Weisheit genau dort, wo wir beides zulassen: das Wissen und das Staunen.
Und manchmal genügt schon ein nächtlicher Waldweg, um uns daran zu erinnern.



