Wenn man Gott nicht als Person, sondern als Kraft, Wesensart oder Energie betrachtet, von der man sich abhängig glaubt, die selbst jedoch nicht von einem abhängig ist, eröffnen sich interessante Perspektiven.
In gewisser Weise trifft diese Beschreibung auch auf die Mutter in der frühen Kindheit zu. Später kann sie auf den Vater übergehen. Und mit den eigenen Kindern kehrt sich diese Erfahrung schließlich um.
Natürlich ist diese Sichtweise stark vereinfacht. Gerade deshalb macht sie den Aufstieg und den Wandel unserer persönlichen „Götter“ im Laufe des Lebens sichtbar.
Wenn ein Kind geboren wird, ist die Mutter für dieses Kind das Ein und Alles.
Sie nährt, liebt, schützt, trägt, wiegt, kleidet und begleitet es. Sie schenkt Geborgenheit – ähnlich wie zuvor die Gebärmutter.
Nach dem freien Fall der Geburt erfährt das Kind zunächst den größtmöglichen Gebärmutterkomfort in dieser neuen Welt. Es lernt, auch hier Vertrauen und Sicherheit zu finden. In dieser frühen Erfahrung ist die Mutter für das Kind Gott.
Im Laufe der Entwicklung begegnet das Kind durch Eltern, Großeltern, Verwandte, Lehrer sowie religiöse oder spirituelle Menschen der Vorstellung, dass es „da draußen“ noch etwas Größeres geben könnte als die Mutter. Wie dies geschieht, hängt von Kultur, Religion und Gesellschaft ab. Doch fast jeder Mensch begegnet irgendwann dieser Idee.
Darin liegt nichts Bedrohliches. Es ist Teil eines natürlichen Reifungsprozesses – eine weitere Form der Abnabelung.
Und dieser Prozess wiederholt sich immer wieder. So wie die Sonne jeden Morgen aufgeht und der Mond immer wieder erscheint – unabhängig davon, ob wir hinschauen oder nicht.
Die Pubertät ist eine dieser Schwellen.
Wir verändern uns körperlich, geistig und seelisch. Gleichzeitig suchen wir unseren eigenen Platz im großen Spiel des Lebens.
Die gefundene Position versucht sich anschließend im Alltag zu bewähren – in Beruf, Familie und Freundeskreis. Oft beginnt eine Phase, in der wir unsere Überzeugungen weitergeben möchten oder selbst von den Überzeugungen anderer geprägt werden. Wir missionieren oder werden missioniert. Auch das gehört zum Menschsein.
Diese Prägungen reichen oft erstaunlich tief. Selbst wenn wir eine frühere Lebenshaltung längst hinter uns gelassen haben, taucht sie später wieder auf. Manche sprechen von Sieben-Jahres-Zyklen, andere von zwanzig Jahren. Welche Rhythmen auch immer dahinterstehen – das Erinnern kehrt zurück.
Je nach Persönlichkeit kann dieses Wiederbegegnen Sehnsucht oder Wehmut auslösen, manchmal sogar tiefe Krisen. Es kann aber ebenso neuer Lebensmut, Kreativität und Aufbruch sein.
Das ganze Spielfeld des Lebens liegt vor uns: von Aufgabe zu Aufgabe, von Aufgeben zu Auf-Geben.
Der Kreislauf des Missionierens und Missioniertwerdens beginnt sich erst aufzulösen, wenn sich die Blume des Lebens entfaltet.
Dann kehrt das Ein und Alles zu sich selbst zurück.
Sich seiner selbst bewusst werden. Sich selbst leben. Sich selbst entfalten.
Nicht getrennt von allem, sondern als Teil des Ganzen.
Vielleicht ist genau das der Augenblick, in dem die Götter aufhören, außerhalb von uns zu wohnen.

Dieser Text entstand im Juni 2014 als Kapitel für mein bisher unveröffentlichtes Kompendium der Klangrunen des Sirius. Beim erneuten Lesen hatte ich das Gefühl, dass seine Gedanken heute aktueller sind als damals. Deshalb veröffentliche ich ihn – nahezu unverändert, lediglich sprachlich behutsam überarbeitet.



